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понедельник, 19 сентября 2022 г.

Folge 2: Raus mit der Sprache: Höflichkeit

In dieser Folge von Wortcast ist Frau Dr. Marion Grein bei uns zu Gast. Sie leitet den Masterstudiengang Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und hat einen Teil ihres Lebens in Japan verbracht. Mit uns spricht sie darüber, wie sie selbst und ihre internationalen Studierenden mit der Frage nach dem Du oder Sie umgehen, und darüber, auf welche komplexe Weise man Höflichkeit im Japanischen zum Ausdruck bringt – ob verbal oder nonverbal durch die Körpersprache. Außerdem geht es um die Schwierigkeiten, die beim Erlernen des deutschen Höflichkeitssystems oft auftreten, und um die persönliche Komponente dabei, was als höflich empfunden wird und was nicht. 

Höflichkeit

 


Höflich zu sein, das lässt sich auf viele verschiedene Arten – und bei Weitem nicht nur verbal – bewerkstelligen. Höflichkeit drückt sich in der Art und Weise aus, wie wir uns begrüßen, ob wir unser Gegenüber ausreden oder jemanden an der Supermarktkasse vorbeilassen. Sich zu entschuldigen und Danke zu sagen ist höflich, genauso wie erst zu fragen, bevor man sich auf einen freien Platz im Zug setzt. Komplimente zu machen ist höflich und fremde Personen zu siezen ist es auch.

Wie man Höflichkeit zum Ausdruck bringt, fällt sprachwissenschaftlich betrachtet in den Bereich der Pragmatik, das heißt, es geht nicht um den semantischen Gehalt des Gesagten, sondern um die Handlung, die damit vollzogen wird. Bei der Begrüßung zum Beispiel ist ein »Grüß Gott« nicht so zu verstehen, dass tatsächlich Gott gegrüßt werden soll, stattdessen zeigt es an, dass man sein Gegenüber wahrgenommen hat. Die gewählte Grußformel drückt dabei aber nicht nur Kenntnisnahme aus, sondern verrät auch etwas über die Beziehung, in der die sich begrüßenden Personen zueinander stehen, und eventuell sogar, woher sie kommen. Menschen aus Norddeutschland werden wohl eher »Moin« als »Grüß Gott« sagen, gute Bekannte oder Freunde sagen »Hallo«, »Servus« oder »Hi«, zu einer fremden oder höhergestellten Person sagt man stattdessen eher »Guten Tag«. Und dann gibt es natürlich noch die nonverbalen Begrüßungsrituale wie Hände schütteln, winken, einander zunicken, Küsschen geben oder anlachen.

Man könnte sich jetzt fragen, warum wir den ganzen Aufwand überhaupt betreiben. Warum ist es wichtig, jemandem durch einen Gruß zu signalisieren, dass man ihn oder sie zur Kenntnis genommen hat? Warum fragen wir in der Bahn »Ist hier noch frei?«, wenn es doch offensichtlich ist, dass niemand auf dem betreffenden Platz sitzt? Warum wählen wir die wesentlich längere Formulierung »Könnten Sie mir wohl bitte einen Gefallen tun und diesen Bericht für mich abschicken?«, wo doch die Anweisung »Schick den Bericht ab« kürzer und damit ökonomischer wäre? Die Antwort lautet: Beim Höflich-Sein geht es nicht um Ökonomie und Präzision, sondern darum, seinem Gegenüber Respekt und Rücksichtnahme entgegenzubringen, indem man ihr oder ihm scheinbar Handlungsspielraum einräumt. Das hängt mit zwei sehr grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zusammen, nämlich denen nach Verbundenheit und sozialer Anerkennung auf der einen sowie Freiraum und Distanz auf der anderen Seite. Begrüßungsrituale dienen also dazu, sich selbst und andere als Mitglieder eines sozialen Gefüges zu bestätigen, während kompliziert formulierte Bitten eher Distanz aufbauen und so den Angesprochenen zumindest formell das Gefühl geben, die Bitte auch ausschlagen zu können und damit Handlungsspielraum zu haben.

Was wir als höflich empfinden, hängt vor allem von unserer kulturellen Prägung ab. Gerade im interkulturellen Kontakt kommt es daher beim Thema Höflichkeit oft zu Missverständnissen und kleineren Turbulenzen. Gilt hierzulande zum Beispiel ein fester Händedruck zur Begrüßung als Respektsbekundung, ist Körperkontakt bei der Begrüßung (vor allem beim ersten Kennenlernen) in fernöstlichen Kulturen tabu. Stattdessen verbeugt man sich voreinander, wobei die Tiefe der Verbeugung sich nach dem sozialen Status des Gegenübers richtet. Und wer in Amerika auf ein »How are you?« mit mehr als einem »Fine!« antwortet und tatsächlich anfängt zu erzählen, wie es ihm oder ihr gerade geht und welche Sorgen er oder sie hat, der wird wahrscheinlich nur irritierte Blicke ernten. Wir mögen diese scheinbare Oberflächlichkeit als unhöflich empfinden, in Amerika ist »How are you?« aber eine Begrüßungsfloskel, genau wie ein »Grüß Gott« bei uns, und damit nicht wörtlich zu verstehen. Außerdem spielen natürlich auch unsere persönlichen Wertvorstellungen eine Rolle dabei, was wir als unhöflich empfinden. Nicht jedem gefällt es, in einem Geschäft geduzt zu werden, und im Restaurant den Stuhl zurechtgerückt zu bekommen kann schnell als nicht respektvoll, sondern bevormundend empfunden werden.

Höflichkeit kann also viele Formen annehmen, sie ist ein Feld mit eher lockeren Regeln, die viel Spielraum – nicht nur für Missverständnisse – lassen. Wir können unser Höflichkeitsniveau je nach Situation anpassen und selbst entscheiden, wie viel Aufwand wir für welche Personen betreiben, je nachdem wie vertraut wir mit ihnen sind. Sie ist ein feinfühliges Instrument, mit dem wir spielen und damit auf subtile Weise unsere innere Einstellung zum Ausdruck bringen können.

Quellen

Helga Kotthoff: Aspekte der Höflichkeit im Vergleich der Kulturen, in: Muttersprache 4/2003, Wiesbaden

Troika

 


Längere Zeit hat man das Wort nicht allzu häufig vernommen, nun ist es wieder weit verbreitet: die Troika. Alle paar Jahre, so scheint es, wird es reanimiert, um eine Dreiergruppe von (politisch führenden) Personen oder Institutionen zu bezeichnen. In den 70er Jahren war die Führungsspitze der SPD als Troika bekannt – bestehend aus Parteichef Willy Brandt, Fraktionsvorsitzendem Herbert Wehner und Bundeskanzler Helmut Schmidt –, in den 90er Jahren versuchten Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine und Rudolf Scharping (damals alle der SPD angehörig) eine solche politische Troika zu reproduzieren. Beide Dreierkonstruktionen waren jedoch über kurz oder lang aufgrund von internen Unstimmigkeiten zum Scheitern verurteilt.

Ein neues SPD-Dreiergespann hat sich bereits 2011 herausgebildet, und so wurde im Jahr 2012 nun abermals eine Troika ausgerufen, bestehend aus Gabriel und »den Stones« (Die Welt, 01.01.2012): Sigmar Gabriel als Parteivorsitzender, Frank-Walter Steinmeier als Fraktionsvorsitzender und Peer Steinbrück als jetziger Kanzlerkandidat. In Hessen erhofft sich momentan der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel Vorteile für die Landtagswahl 2013 durch Bildung einer Troika mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann und wiederum dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Parallel wird der Ausdruck Troika derzeit für die »heilige Dreifaltigkeit des griechischen Reformprozesses« (FAZ, 29.10.2012) verwendet, das Dreiergespann aus Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank, die mit der Rettung des Euros in Griechenland betraut sind. Angeblich wurde diese Bezeichnung bereits zu Beginn der Währungskrise von den griechischen Medien eingeführt und von den Medien anderer Länder aufgenommen. Manch einer mag nun angesichts der Entwicklungen in der Krisenbewältigung und der Tatsache, dass gerade die betroffenen Griechen den Ausdruck in den Raum warfen, vermuten, dass durch dieses Etikett die genannte Troika – wie im Fall der beiden erstgenannten SPD-Gespanne – kritisch zu sehen, dass die Leistungsfähigkeit einer solchen in Frage zu stellen sei. Dies freilich ist objektiv, zumal linguistisch, wohl nicht einzuschätzen. Zugrunde liegt dieser Konnotation vielleicht das oftmals bereits aus Kindertagen stammende Wissen, dass in einer Gruppe aus Dreien einer schnell außen vor steht, hier nur selten ein harmonisches Miteinander, ein Konsens herrscht.
Der Ausdruck als solcher ist gleichwohl neutral zu werten. Hierzulande wird er zumeist als [‚tr??yka], ab und an auch als [‚tro:ika] ausgesprochen. Troika geht auf das Russische trojka ›Dreier‹ zurück, das wiederum von troe ›drei (als Einheit; z. B. in »Dreifaltigkeit«)‹ zu russisch tri ›drei‹ abzuleiten ist. Das Wort bezeichnete zunächst ein Gespann, eine Kutsche oder einen Schlitten, mit drei Zugpferden bzw. -ochsen. In Anlehnung an das römische Triumvirat (›Dreimännerherrschaft‹) erhielt auch Troika später die Bedeutung einer aus drei Personen bestehenden (politischen) Führungsgruppe.

Auch in der europäischen Geschichte tauchte das Wort bereits von Zeit zu Zeit auf. So war die Dreiergruppe von Ländern in der EU, die heute als Dreier-Präsidentenschaft bezeichnet wird, vor 2007 als Troika bekannt und umfasste neben demjenigen Land, das aktuell den Ratsvorsitz innehatte, auch jenes, das ihn zuvor, und jenes, das ihn anschließend innehatte. Im Zweiten Weltkrieg bildeten die Anführer der Länder der Anti-Hitler-Koalition Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin die »Große Troika« und in Russland herrschten im Jahr 1953 Nikita Chruschtschow, Lawrenti Beria und Georgi Malenkow gemeinsam als Troika. In der jüngeren Geschichte wurde zudem das Dreiergespann Gerhard Schröder, Jacques Chirac und Wladimir Putin des Öfteren als Troika bezeichnet.

Frauke Rüdebusch


zum Thema "Purismus"

 Was spricht eigentlich dagegen, englische Wörter bei uns einfach durch deutsche zu ersetzen? Tatsächlich gibt es da einige Argumente, denn oft hat ein Fremdwort eine zusätzliche Bedeutung, die den beschriebenen Sachverhalt oder Gegenstand nuancierter beschreibt oder eine andere Assoziation hervorruft aals ein an seine Stelle gesetztes deutsches Wort. Ein Skateboard ist nun mal nicht einfach durch Rollbrett zu übersetzen, denn es ist viel mehr als nur ein Brett auf vier Rollen. Zusammen mit dem Brett kam ein ganzes Lebensgefühl, ein Kleidungsstil und vieles mehr – und all das transportiert auch sein Name. Ersetzt man das »fremde« Wort also einfach durch einen deutschen Ausdruck, geht diese zusätzliche Bedeutung verloren. So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob ich eine Runde joggen gehe, oder einen Dauerlauf mache, denn mit Joggen ist nicht nur die sportliche Betätigung selbst gemeint, es stellt auch eine Form von Ausgleich zum Alltag dar, während man einen Dauerlauf eher einmal hinlegt, um es noch rechtzeitig zur Haltestelle zu schaffen, bevor die Straßenbahn einem vor der Nase wegfährt. Das Wortfeld um den Ausdauersport hat durch das Joggen also in stilistischer und inhaltlicher Hinsicht eine Bereicherung erfahren.

Kritik am übermäßigen Gebrauch von Fremdwörtern ist nicht neu. Einen ersten Höhepunkt dieser »Sprachpflegebewegung« gab es bereits im 17. Jahrhundert, mit dem »Palmenorden«, einer Sprachgesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die »Hochdeutsche Sprache« zu fördern und als Nationalsprache durchzusetzen. Seitdem wurde immer wieder versucht, Fremdwörter einzudeutschen, also durch deutsche Wörter zu ersetzen. Teilweise setzten sich die deutschen Wörter – zumindest als Alternative zum Fremdwort – durch, wie Bücherei für Bibliothek, fortschrittlich für progressiv oder Augenblick für Moment. Oftmals konnte das gewählte deutsche Wort sich aber nicht halten und kommt uns heute eher belustigend vor. Oder würden Sie das Lotterbett dem Sofa, den Tageleuchter dem Fenster oder einen Meuchelpuffer einer Pistole vorziehen? Und wussten Sie, dass Gesichtserker ein ernstgemeinter Vorschlag für Nase war?

Natürlich kann und soll der übertriebene Gebrauch von Fremdwörtern kritisch gesehen werden. Wenn sie z. B. in der Werbung gezielt zur Manipulation eingesetzt werden, Themen absichtlich verharmlosen (Reduzierung der Kosten statt Entlassung), versachlichen (Suizid statt Selbstmord) oder aufbauschen wollen oder nur der Demonstration der (angeblichen) eigenen Bildung und damit einhergehenden Überlegenheit dienen sollen (Call statt Telefonkonferenz), dann ist Vorsicht geboten. Auch können durch Bezeichnungen, die nur für eine bestimmte Gruppe verständlich sind, gezielt Menschen ausgeschlossen werden. Oft entsteht beispielsweise bei juristischen Themen oder solchen, die den Finanzmarkt betreffen, der Eindruck, als sollten sie von Laien überhaupt nicht verstanden werden.

Ob wir sie nun gut finden oder nicht, Fremdwörter werden uns weiterhin begleiten. Wir hoffen, dass unsere Beiträge zu Anglizismen und Fremdwörtern allgemein ein paar der häufigsten Fragen beantworten konnten. Eine gute Strategie ist immer, den eigenen Sprachgebrauch kritisch zu betrachten und sich bewusst zu machen, warum man ein bestimmtes Wort in einem bestimmten Kontext wählt oder es eben gezielt vermeidet.


Quellen

Brockhaus, Wahrig Fremdwörterlexikon, Gütersloh/München 2012
Duden, Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, Berlin 2016
Duden, Sprache in Bildern, Berlin 2018